Sonnabend früh beim Kiez umme Ecke...
Wo gibt es Sachen, die es eigentlich gar nicht gibt?
So'n schwarz-weiß-Foto mit irgend einem
verträumten Hochzeitspaar aus einer Zeit als
die Blitzgeräte noch zischten und krachten;
oder ein mehrköpfiger Schwan, der nicht
schwimmen kann und deswegen als Kerzenleuchter
bescheidene Karriere gemacht hat;
oder eine Vinyl-Single mit Rudi Schurickes
Top-Hit "Reite, kleiner Reiter"; oder die Blaue
Mauritius (aber nur fast echt); oder ein leicht
zerfledderter Sammelband, der ein wenig in
Vergessenheit geratenen Romantikdichterin
Karoline von Günderrode – Wünsche, von denen
man nicht mehr angenommen hatte, das sie
jemals in Erfüllung gehen würden, werden auf
dem hannoverschen Flohmarkt urplötzlich doch
noch wahr.

Das genau ist das Erfolgsgeheimnis des allsonnabendlichen
Getummels unten am Leineufer:
Hier geht was! Hier lohnt es sich, ganz tief zu
wühlen! Hier gibt es Schätze, die sich einem
nicht gleich an den Hals schmeißen – sie wollen
erobert werden. Nach einer Nacht am Kiez für
den einen oder die andere vielleicht mal eine
ganz nette Abwechslung.
Gerne wird in diesen Tagen davon gesprochen,
dass es sich beim hannoverschen Flohmarkt um
den ältesten seiner Art in Deutschland handelt.
Wir lassen das ungeprüft einfach mal so stehen
und gratulieren herzlich zum 40-jährigen Bestehen.
Praktisch beim Kiez umme Ecke hat sich in
diesen Jahren und Jahrzehnten ein klitzekleiner
Mikrokosmos entwickelt, der eigenen Gesetzen
folgt – für wenige Stunden jede Woche. Für viele
eine Traumwelt, für andere Geschäft, für die
meisten pure Entspannung vom Alltagsstress.
Zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Trödel und
Technik, zwischen Krims und Krams wird nach
Herzenslust gefeilscht, geschimpft, geschwafelt,
gezetert – und gezahlt.
Mit zwei Namen ist die "Mutter aller Flohmärkte"
eng verknüpft: Reinhard Schamuhn (das ist
der, der 1967 ein Unterwasserklavierkonzert
im Maschsee geben wollte, aber das Klavier
schwamm davon) und Mike Gehrke. Schamuhn
gab im April den Startschuss, indem er (noch
vor dem Leibnizhaus) dies und das verhökerte.
Die Einnahme an diesem Tag spendete er dem
Annastift: 444,44 Mark. Gehrke gab dem Flohmarkt
in den Folgejahren bis zu seinem Tod
2003 die wichtigen Impulse, verlegte ihn an die Leinepromenade, wo die Nanas Sophie, Caroline
und Charlotte dem mitunter skurrilen Treiben
den würdigen Rahmen verleihen.
Auch wenn der Charme der frühen Jahre leicht
bröckelt, lohnt sich am Sonnabend ein Abstecher
ans Leineufer alle Male. Kult-Tipp für Langschläfer:
in den Klubs am Kiez durchhalten bis
zum Morgen, dann ein beschwingter Bummelüber den Flohmarkt – und erst anschließend
ins Bett.