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Steintorhistorie: Nalle

Nalle

Das ist praktisch mein Leben

Ob Raffi, Collie, Brille oder wer auch sonst: Wenn sie erzählen von der „guten alten Zeit“ am Steintor, dann schwingt immer ein bisschen Wehmut mit gemischt mit einer gehörigen Portion Stolz. Auch Adolf Dannenberg, den sie am Kiez nur „Nalle“ rufen, berichtet stolz, schon dabei gewesen zu sein in den Jahren als Elvis die Hüften kreisen und die Mädels kreischen ließ, die Röcke kürzer, die Nächte länger und die Portemonnaies langsam immer voller wurden.
 
Adolf, alias „Nalle“ wurde 1940 geboren und hat die Kindheit in einer in Trümmer liegenden Stadt verbracht. Doch in den Wirtschaftswunderjahren wurde auch Hannover an vielen Ecken wieder bunter und lebhafter. Gegenüber dem Opernhaus hatte schon 1947 der „Georgspalast“ (GOP) wieder seine Türen geöffnet. Bekannte Künstler wie Catharina Valente traten dort auf. „Nalle“, der dort seine Lehre als Page und Kellner machte, hat viele von ihnen gesehen. Nach der Lehrzeit wechselte er auf den Kiez. Das war 1957. Bis heute hat er dem Steintor die Treue gehalten: „Das ist praktisch mein Leben. Ich war doch fast jede Nacht dort.“ Zunächst als Kellner – unter anderem im „Schall und Rauch“ in der Scholvinstraße. Später als Geschäftsführer in Otto Chinas „Berolina Bar“. Lohntütenball, Messeauftrieb – am Steintor pulsierte das Leben. Die Musikkapellen schrammelten bis in den frühen Morgen. Und das Personal kam mit dem Bedienen kaum hinterher. Hoppla, das kennen wir doch? Richtig: Ist nämlich heutzutage noch genauso. Für die Musik sorgt ein DJ, und wo im „Schall und Rauch“ Kellner den Betrieb in Schwung hielten, stehen heute die Schwestern der „Intensivstation“ hinterm Tresen.„Nalle“ sagt, früher sei es wohl ein wenig familiärer zugegangen am Steintor. Jeder kannte jeden, die Chefs, die Kellner, die Stammgäste.„Nicht selten haben wir mit den Kollegen nach Dienst noch bis zum Morgen in der Kupferkanne oder bei Rudi Lippke gesessen“, erinnert sich „Nalle“. Reingespuckt wurde nicht. Kein Zuckerschlecken dieses Nachtleben und nichts für Familienmenschen. Im April wird der Junggeselle 66 Jahre alt. Zuletzt haben ihn einige gesundheitliche Probleme aus der Bahn geworfen. Nach überstandenem Herzinfarkt verbrachte er Weihnachtstage und Jahreswechsel im Kurort Bad Bevensen.

Zurück in Hannover schnupperte er bereits wieder am Steintor vorbei. Eigentlich würde er ja gerne wieder – wie vor seiner Krankheit – als Wirtschafter arbeiten. „Aber alles schön langsam“, wie er sagt. Der Kiez gefällt ihm seit einigen Jahren besser denn je: „Toll, was hier so los ist.“ Wenn ihm einer vor 20 Jahren gesagt hätte, dass die Scholvinstraße zur Strandpartymeile wird oder dass am Steintor in allen Straßen eine große Weihnachtsfete steigt, den hätte er wohl für verrückt erklärt. Der schönste Satz von „Nalle“ zum Schluss. Passender, origineller, hannöverscher kann man den Wandel am Kiez wohl kaum beschreiben. Den Wandel zur heißesten Partyzone der Stadt beschreibt Adolf Dannenberg so: „Jetzt kommen sogar die Normalverbraucher aus ihre Löcher vor!“