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Steintorhistorie: Erst Rübenschnaps,

Erst Rübenschnaps,

dann der Tanz über den Dächern

Ja, hallo, wird jetzt so manch aufmerksamer "Steintor-News"-Leser empört aufschreien, das Anzeiger-Hochhaus hatten wir doch schon in dieser Serie. Wir antworten mit Radio Eriwan: "Im Prinzip ja." Aber diesmal wird der Blick vom großen Gebäude auf ein kleines Detail gelenkt. Es geht um den Balkon, der sich im siebten Stock aus dem Backsteingemäuer hervorbeult. Und zwar links, wenn man vom Steintor auf das Haus blickt.
 
Vor fast sechzig Jahren hat auf diesem Balkon eine vermutlich tollkühne, in jedem Fall aber legendäre Party stattgefunden, die fast wie durch ein Wunder ohne tragische Todesfälle zu Ende ging. Die Vorgeschichte begann irgendwann
1946. Drei britische Besatzungssoldaten – darunter der Presseoffizier John Chaloner – hatten die fixe Idee, ausgerechnet in Hannover ein Nachrichtenmagazin zu gründen. Vorbild war die englische "News Review". Um ihren Plan in
die Tat umzusetzen, beschlagnahmten sie kurzerhand einige Räume im Anzeiger-Hochhaus. Wo auch sonst, schließlich lag Hannover rund herum in Schutt und Asche. Man kann ohne Übertreibung sagen: Die Deutschen hatten andere Sorgen, als ein Nachrichtenmagazin aus der Taufe zu heben.

Wie dem auch sei: Chaloner rekrutierte eine freche Bande junger Kerle, darunter Rudolf Augstein. Sie sollten die Redaktion geben. Die erste Ausgabe von "Diese Woche" erschien im November 1946 und kostete eine Reichsmark.
Schon bei dieser Premiere provozierte Augstein den Streit mit den Briten. Das war ihnen die Sache offenbar nicht wert. Ein Magazin ja, aber bitte keine Probleme. Doch Augstein und Co. ließen nicht locker. Bereits wenige Wochen später wurde ihm die Lizenz als Herausgeber eines eigenen Magazins übertragen. Am 4. Januar 1947 wurde erstmals "Der Spiegel" verkauft. Voller Überschwang stürzte sich die junge Redaktion in die Arbeit. Die offizielle Lizenzfeier musste bis zum Juli warten. Im Terrassencafé des Anzeiger-Hochhauses ließ es die Spiegel- Belegschaft krachen. In Strömen flossen Rübenschnaps und "irgendetwas, von dem man leicht blind wurde, irgendetwas mit Glycerin vermutlich", erinnert sich Spiegel-Urgestein Leo Brawand. Schwankend auf den Beinen tanzten
Redakteure, Volontäre und Sekretärinnen abwechselnd auf dem schmalen Mauersims – ca. 25 Meter über der Straße. Niemand kam zu Schaden. Brawand im Rückblick: "Es waren unglaubliche Zeiten."