Otto China
Wie Otto China im Viertel sein Glück findet
Es ist schon komisch, dass man das Quartier um das Steintor auch „Vergnügungsviertel“ nennt. Kann man sich anderswo in der Stadt nicht vergnügen? Vielleicht, aber es gibt sicher kein anderes Viertel, in dem das „Vergnügen“ so massiv auftritt, wie in den Straßen zwischen Marstall und Steintorplatz. Hier war immer der Ort, wo das Leben so richtig pulsierte, wenn anderswo in der Stadt die Lichter längst ausgegangen waren – ein Quartier mit Geschichte und Geschichten. Wir wollen hier in loser Folge Menschen, Kneipen und Plätze vorstellen, die Geschichte gemacht haben.

Diesmal geht es um Otto China, der sich selber gerne König des Viertels nannte. Er liebte teure Hüte mit breiter Krempe, teure Cabriolets (am liebsten amerikanische) und seine Dogge. Er liebte die Frauen, und er konnte hart zuschlagen, was in seinem Gewerbe auch damals schon die Voraussetzung für eine steile Karriere war. Und Otto China hat Karriere gemacht, damals nach dem Zweiten Weltkrieg als im Steintorviertel die ersten Amüsierbetriebe wuchsen. In seiner großen Zeit gehörten ihm elf Bars – nicht nur in Hannover. China hatte seine Amüsierkneipen in Braunschweig, Aachen und Wuppertal.
Dabei ist er eher durch Zufall Gastronom geworden. Er begann sein Berufsleben mit einem Kohlenlaster in Hainholz, nebenbei boxte er bei Heros Eintracht und brachte es in verschiedenen Gewichtsklassen zum Norddeutschen Meister. Aber weil es damals RTL noch nicht gab und SAT 1 auch nicht, war mit dem Boxen kein Geld zu verdienen (mit dem Kohlenlasterauch nicht) und Otto China setzte sein Talent anders ein: Er wurde Rausschmeißer im „Akropolis“, einer der angesagten Bars damals. Früher war von „Sicherheitskräften“ eben noch nicht die Rede. Otto schlug zu, wenn die Gäste renitent wurden und dann schlug bei Otto das Schicksal zu. Der Wirt im „Akropolis“, ein Grieche, bekam Heimweh und der Rausschmeißer wurde Wirt. Ein Mann hatte seine Berufung gefunden. Bald gehörte Otto China die „Berolina“, das „Lido“ in der Münzstraße, die „Neue Welt“ in der List und der „Rote Hahn“ samt „Tarantella Bar“ in Hemmingen, die später als „Römisches Badehaus“ Karriere machen sollte. Angeblich haben dort in grauer Vorzeit mal die „Rolling Stones“ noch einem anstrengenden Konzert im Niedersachsenstadion die gebührende Entspannung gefunden.
Otto China hat damals Karriere gemacht, weil er für Sicherheit sorgte in seinen Läden. Das gutbürgerlic e
Hannover, dass sich hier amüsierte, musste weder um Gesundheit noch Brieftasche fürchten. China hatte die wichtigsten Positionen in seinen Klubs mit alten Freunden aus der Boxerszene besetzt. Man sagte damals „bei Otto gehen auch die Zuhälter gerade“, was wohl heißen sollte, dass die Herren sich in diesen Etablissements anständig benahmen. Dazu zählte übrigens auch das entsprechende Outfit. Man trug damals Anzug und Krawatte, wenn man sich amüsieren ging und die Musik machten in den Steintor-Bars nur leibhaftige Musiker. Bordelle gab es in dieser Zeit noch nicht, die entstanden dann in der Ludwig- und Braunstraße, aber über den Bars gab es „Zimmer“, die man kurzfristig mieten konnte. Über die Zimmer und die Geschäfte dort hat sich Otto China immer ausgeschwiegen. Er hat zwar oft zugeschlagen in seiner Karriere aber er blieb immer ein nobler Mann. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kaufte er sich dann ein Hotel in Spanien, kam später aber wieder zurück, weil er in der Fremde nicht alt werden wollte. Otto China zog dann wieder ins Steintorviertel, wo er Karriere gemacht hatte und später auch gestorben ist.