Die versteckte Großstadtoase
Wie heißt es so schön in Reisekatalogen und Stadtführern:
„Nur einen Steinwurf entfernt findet sich dies und das.“
Eine bodenlose Lüge und Schummelei, dass sich die Balken biegen.

Ein Steinwurf – da sind wir mal ganz großzügig – das sind vielleicht 50, ach was soll's 70
Meter. „Einen Steinwurf entfernt von der Kathedrale beginnt die Amüsiermeile...“ – doch will
man den Hinweisen Folge leisten, latscht man
sich die Hacken ab. Von wegen „Steinwurf“!
Die „Steintor-News“ sind bei solchen Dingen
natürlich von einem anderen Kaliber. Immer
wahrheitsgetreu und äußerst penibel. Wenn hier
also steht: „Nur einen präzisen Steinwurf vom
Marstall entfernt ist eine Großstadtoase versteckt,
wie es sie in Hannover sonst nicht mehr
gibt“, dann kann man sicher sein, dass das
stimmt. Wir haben die Probe aufs Exempel
gemacht.
Der Stein flog vom hektischen Marstall-Parkplatz
genau zwischen den Häusern gegenüber der
Scholvinstraße hindurch in Richtung Ballhof.
Doch weil wir nicht so weit werfen können,
plumpste der Stein bereits zehn Meter hinter
einem schmalen Toreingang auf den Fußweg.
Dort angekommen – nichts als Stille. Keine
Autos, kein Gerenne. Statt dessen einige kleine
Gärten hinter einigen kleinen Häusern. Zum
Marstall, der Knochenstraße und zur Burgstraße
abgeschirmt durch behäbige Mehrgeschosser. Über allem thront mitten drin die Kreuzkirche,
an deren Fassade ein kleiner Hinweis zu finden
ist, wie dieses städtebauliche Kleinod entstanden
ist. Nach den Zerstörungen im 2. Weltkriegentschloss sich die Aufbaugemeinschaft Hannover
1950, das Kreuzviertel als Wohnquartier wieder
herzustellen. Die kleinen Gassen heißen
Kreuzkirchhof, Kreuzstraße und Goldener Winkel.
Zur Burgstraße führt der Johann-Trollmann-Weg, der an einen hannoverschen Halbweltergewichtsboxer
erinnert, der den Nazis zum Opfer
fiel.
Einen gastronomischen Höhepunkt hat sogar
das winzige Kreuzviertel zu bieten: Das türkische
Restaurant „Kreuzklappe“ begeistert seit
vielen Jahren seine Gäste. An einigen Stellen im
Viertel wird derzeit kräftig gebaut. Die Häuser,
so kuschelig sie scheinen, benötigen dringend
eine Generalüberholung. Privatleute und die
GBH sind derzeit dabei, das pittoreske Wunderland
zwischen Steintor und Ballhof aufzupäppeln.
Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind,
werden sich viele nach den Wohnungen die Finger
lecken. Denn, wer dort wohnt, hat einen entscheidenden
Standortvorteil: Es ist nur ein
Steinwurf bis zur schärfsten Unterhaltungsmeile
Hannovers. Und das ist nicht gelogen.